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»Großes Ey« Pressetext Version lang

 

Der neue Roman von Ute Bales beschreibt das Leben der legendären Düsseldorfer Galeristin Johanna Ey

Es ist das Jahr 1907. In einer braunen Weste mit abgenutzten Ärmeln, einem verwaschenen Rock und barfüßig, steht eine Frau neben Schrubber und Putzeimer und betrachtet ihr Spiegelbild: das runde Gesicht mit der dickglasigen Brille, die wirren, lose zusammengebundenen Haare, den formlosen, von vielen Geburten in die Breite gegangenen Körper. Die Frau ist 43 Jahre alt, hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, in der sie zwölf Kinder geboren hat, von denen acht früh verstarben.

So beginnt die Geschichte der Johanna Ey, für die Heinrich Böll 1960 ein Denkmal forderte. Über die Kindheit der Frau Ey erzählt Ute Bales nur wenig, über ihre Ehe nur das Notwendigste. Es gibt ein paar Rückblicke, Erinnerungen, in denen wichtige Details enthüllt werden, doch ansonsten wahrt der Roman die Einheit von Zeit und Raum. Erzählt wird auktorial, nicht als „Ich“.

Was Johanna als Backladenbesitzerin und Kunstförderin widerfährt, ist höchst bemerkenswert. Und so schreibt Ute Bales es auch auf: als Zufall, als Chance, als Notwendigkeit, als Elend, später als Verhängnis.

Wir folgen der Protagonistin aus dem rheinischen Wickrath nach Düsseldorf, wo sie 1904 in einem Haushalt unterkommt und ihren Mann, Robert Ey, kennenlernt, der sie schwängert und erst Jahre später heiratet. Zwei Jahrzehnte soll Johanna es mit diesem Mann aushalten, der dem Alkohol zuspricht und sie misshandelt. Als er sie wegen einer anderen mit vier Kindern zurücklässt, ist sie völlig auf sich gestellt. Aus der Not heraus eröffnet sie unter ärmlichsten Bedingungen einen Backwarenladen.

Weil bei ihr Kaffee und Brötchen billig sind, wird der Laden bald zum Treffpunkt von Studenten der nahen Kunstakademie. Johanna, selbst ein entbehrungsreiches Leben gewöhnt, fühlt sich den mittellosen Künstlern verbunden. Wer kein Geld hat, darf anschreiben lassen, gelegentlich auch mit Bildern bezahlen.

Bald beginnt hinter der Brötchentheke eine Kunstsammlung zu wachsen.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird der Laden geschlossen. Johanna verkauft die ihr verbliebenen Bilder und entdeckt, dass man damit Geld verdienen kann. Bald reift in ihr die Idee, eine Kunsthandlung zu eröffnen. „Was meinst du, kann ich das schaffen, jetzt, wo ihr alle im Krieg seid?“, fragt sie einen der Künstler. „Wenn einer es schafft, dann du“, antwortet der.

Noch während des Krieges mietet sie Räume für eine Galerie an. Ihre Kenntnisse über Kunst sind nicht ausgeprägt, wohl aber ihr gesunder Menschenverstand. Was ihr gefällt, gefällt ihr eben.

Aber noch ist ihre Stunde nicht gekommen. Als nach Kriegsende die Maler von den Schlachtfeldern zurückkehren und ihr Bilder bringen, die den Krieg mit all seinen Gräueln zeigen, räumt Johanna für die neue Kunst ein Schaufenster frei. Eine Welle der Empörung schwappt über, die Galerie wird zum Zentrum handfester Skandale, zum Austragungsort hitziger Gefechte gegen den etablierten Kunstbetrieb und die politischen Zustände. Mit der Künstlervereinigung „Junges Rheinland“, die Johannas Laden zu ihrem Zentrum kürt, finden immer neue Künstler den Weg zu ihr. Da sind vor allem Gert Wollheim und Otto Pankok zu nennen, Heimkehrer aus dem ersten Weltkrieg, deren Bilder Johanna aufs Tiefste verstören. Da sind Otto Dix, dem sie eine Wohnung beschafft, und Max Ernst, dem sie eine erste Einzelausstellung ausrichtet. Da sind der Kommunist Barz, die jüdischen Künstler Levin und Adler, der bucklige Schwesig, der früh schon vor den Nazis warnt. Da ist Jacobo Sureda, ein spanischer Maler, der Johannas Herz erobert und sie nach Mallorca einlädt.

 

Mit Beginn der Wirtschaftskrise kann Johanna die Miete nicht mehr aufbringen und ein Darlehen nicht abbezahlen. Als sie 1933 von einer Spanienreise heimkehrt, kleben Boykottzettel an ihren Schaufenstern. Kurz darauf werden Bilder beschlagnahmt, die Künstler aus ihrem Umkreis, darunter Juden und Regimegegner, als entartet eingestuft, mit Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt, diffamiert, verfolgt, inhaftiert oder umgebracht.

 

Ute Bales zeichnet Johanna Ey als Frau mit Leidenschaft, gesundem Instinkt und einer resoluten Art, der, wie Böll schrieb, ein Schicksal auferlegt war, dass im härtesten und eigentlichen Sinne ein modernes war: alleinstehend, alleinerziehend verantwortlich für vier Kinder, geschieden - all das in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts.

Schon zu Beginn des Romans, noch als Bäckerin, ist Johanna eine auffallende Figur. Später, als Förderin und Kämpferin für die junge Kunst, findet sie ihre eigentliche Lebensrolle. Emanzipiert und Zigaretten rauchend tritt sie dominant und energisch auf, zugleich auch fürsorglich, sieht genau hin bei dem, was um sie vorgeht, setzt sich unbeirrt für ihre Künstler ein, findet über sie den Zugang zur Kunst, wird zur Freundin, Vertrauten und Händlerin und rückt mit nie dagewesen Bildern ins Zentrum der rheinischen Künstler-Avantgarde.

Neben der Protagonistin sind es vor allem auch die verschiedenen Künstlerleben, die Schicksale der einzelner Figuren, die – akribisch recherchiert – den Roman gehaltvoll machen und die Bales bis zur letzten Konsequenz erzählt.

 

Ute Bales beschreibt ein Stück Geschichte, nicht festgemacht an den großen Ereignissen, sondern aus Sicht der Künstler, der Verfolgten, aus der Sicht deren, die man, so der Maler Otto Pankok „geknebelt, versklavt und zermürbt hat, die man zur Verzweiflung getrieben und denen man jeden Funken aus dem Schädel geknallt hat …“

 

Ute Bales

»Großes Ey«

Die Lebensgeschichte der Johanna Ey
Roman

Rhein-Mosel-Verlag, Zell/Mosel

470 Seiten

Broschur

ISBN 978-3-89801-078-8

13,50 €