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Pressetext 100 Jahre DADA - zum Buch "Die Welt zerschlagen"

Ein Rückblick und eine Erinnerung an die vergessene Kölner Künstlerin Angelika Hoerle

Bei Dada denken Kunstinteressierte an Lautgedichte von Hugo Ball, Tristan Tzara und Kurt Schwitters, an Collagen von Max Ernst und an das Cabaret Voltaire in Zürich. Immer noch steht Dada für den radikalen Versuch, bestehende Vorstellungen und Werte ad absurdum zu führen.
100 Jahre sind es her, als am Vorabend der Schlacht um Verdun der Schriftsteller Hugo Ball und andere Emigranten zu einer bunten Soirée ins Obergeschoss des Hauses in der Spiegelgasse 1 in Zürich einladen. Cabaret Voltaire nennen sie die Räume. Rundherum brennt der Krieg. Zahlreiche Exilanten, geflohen aus ihren Krieg führenden Ländern, kommen hier zusammen. Im Cabaret Voltaire beginnen sie ihre Freiheit und Unabhängigkeit nicht nur zu leben, sondern laut zu proklamieren. Sie hassen den Krieg, spucken auf alles, machen Radau, krakeelen herum, malen unsinniges Zeug. Frech und frei attackieren sie die künstlerischen und gesellschaftlichen Konventionen. Es geht gegen die verlogenen Ideale und Werte der Gesellschaft, die den Krieg herbeigeführt haben und gegen alles, was die Zeit bedroht und zerstört. Den Glauben an die Vernunft haben sie verloren. Keinen Stein lassen sie auf dem anderen. Für ihre Revolte wählen sie den bewusst banal klingenden Namen DADA. Tristan Tzara, Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Sophie Taeuber und Richard Huelsenbeck tanzen, singen und stampfen „DADA” in Aktionen und Performances, parodieren gängige Kunst und Politik, produzieren Skandale. Das Cabaret wird zum Treffpunkt für Künstler aller Nationalitäten, Kunstgattungen und Stile. Dada ist ultramodern, provokativ, erfinderisch. Bald schwärmen die Gründerpersonen aus und gründen neue Dada-Gruppen in Paris, Berlin, New York, die untereinander in Austausch stehen und von denen erhebliche Impulse auf die Kunst der Moderne ausgehen.
Auch in Köln bildet sich im Spätsommer 1919 eine Dada-Gruppe. Beteiligt sind der Dadamax Max Ernst, Johannes Theodor Baargeld, Angelika und Heinrich Hoerle, gelegentlich auch Hans Arp, Marta und Anton Räderscheidt, Franz W. Seiwert und Louise Strauß-Ernst. „Dilettanten erhebt euch! Dada siegt!“ Mit diesem Schlachtruf präsentieren sie sich in ihrer Zeitschrift „die schammade“ und auf dem Plakat zu einer Ausstellung, die im Brauhaus Winter stattfindet und in Köln einen Skandal heraufbeschwört.
 Eine der zentralen Figuren der Kölner Dada-Bewegung ist die fast vergessene Künstlerin Angelika Hoerle. Sie gehört zu den wenigen Frauen, die Dada mitgeprägt haben. Der neue Roman von Ute Bales mit dem Titel „Die Welt zerschlagen“ erzählt das Leben dieser jungen, engagierten Künstlerin, die in ihren Zeichnungen das Unbewusste erkundet und mit ihrer Tendenz zum Irrealen zu einer Wegbereiterin des Surrealismus wird. In den frühen 1920er Jahren wird Angelika Hoerle von der amerikanischen Kunstsammlerin Katherine Dreier „Comet of Cologne Dada“ genannt. Dabei ist der künstlerische Werdegang Angelikas mehr als steinig. Schon als Kind träumt sie davon eine Künstlerin zu werden. Zusammen mit der Schwester entwirft sie Kleider und Hüte, mit dem Bruder zeichnet sie. Der Besuch einer Kunstakademie bleibt Frauen ihrer Zeit verwehrt, stattdessen absolviert sie eine Lehre als Hutmacherin. Angelika ist 15, als der Kaiser zum Krieg aufruft und Tausende von Soldaten in den Tod schickt. Während des Krieges verliebt sie sich in Heinrich Hoerle, einen Bohémien und Maler der Kölner Kunstszene. Er wird eingezogen, ebenso wie die Brüder. Um die Angst und das Warten zu überbrücken, malt und zeichnet sie. Nach dem Krieg und der Rückkehr der Männer erlebt Angelika die Novemberrevolution und den Zusammenbruch des Kaiserreichs. Der Krieg, die schwere Verwundung des Bruders sowie die Vorstellung eine neue und bessere Welt zu kreieren, führen dazu, dass sie sich auf die Seite der revolutionären Künstler stellt. Mit 19 Jahren heiratet sie Heinrich. Der Vater weist ihr die Tür. „Ich habe keine Tochter mehr!“
Die Wohnung in Köln-Lindenthal, die Angelika mit Heinrich bezieht, entwickelt sich schnell zu einem Künstlertreff. Trotz Hunger und Kälte wird intensiv gemalt und Karneval gefeiert, es werden turbulente Dada-Aktionen geplant und progressive Zeitschriften herausgegeben. Es ist ein lauter Protest gegen den Irrsinn des Krieges, eine Rebellion gegen die Politik, die Enge der bürgerlichen Gesellschaft und den Fortschrittswahn jener Jahre. Titel und Klappentext des Romans von Ute Bales verweisen auf das, wovon die Künstler in Angelikas Umkreis erfüllt sind: „Alles, was du siehst, gehört zerschlagen. Ja, die Welt zerschlagen. Das müsste man.“  
Angelika zeichnet groteske Figuren, gesichtslose Portraits, versehrte und deformierte Körper. Mit den Malern Franz W. Seiwert sowie Marta und Anton Räderscheidt setzt sie sich für die Arbeiterklasse ein, sucht und entwickelt völlig neue Ausdrucksformen, mit denen sie sich bald einen Namen macht. Leider bleibt ihr nur wenig Zeit. Eine Tuberkulose-Erkrankung bringt das Ende ihrer Karriere. Aus Angst vor Ansteckung trennt Heinrich sich von ihr und überlässt sie ihrem Schicksal. Sie stirbt mit 23 Jahren.
Ute Bales beschreibt ein wichtiges Stück rheinischer und deutscher Geschichte. „Die Welt zerschlagen“ ist ein gleichermaßen tragischer und dramatischer Roman über eine willensstarke junge Frau, der die Zeit nicht reichte, und eine Gruppe Künstler, die daran glaubte, dass ihre Ideen und Aktionen die Welt verändern würden.

 

Ute Bales
„Die Welt zerschlagen“
Roman
Rhein-Mosel-Verlag
Hardcover, Schutzumschlag
ISBN 978-3-89801-080-1
280 Seiten
19,80 Euro