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Geschichte einer Unvollendeten – Rezension zu Ute Bales „Die Welt zerschlagen!“

von Michael Dillinger, erschienen in der Chaussee, Zeitschrift für Literatur und Kultur der Pfalz, Heft 37/ 2016

 

Geschichte einer Unvollendeten

Ute Bales: Die Welt zerschlagen

Ute Bales‘ neuer Roman „Die Welt zerschlagen!“ erzählt, so der Untertitel „Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle“, ich ergänze: die Geschichte einer Unvollendeten, die, so kann man nachlesen, als eine der wenigen Frauen DADA mitgeprägt hat und mit ihrer Tendenz zum Irrealen zu einer Wegbereiterin des Surrealismus wurde. In den frühen 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts nannte sie die amerikanische Kunstsammlerin Katherine Dreier „Comet of Cologne Dada“.

„Lass und durch viele Straßen gehen“ heißt die Überschrift des letzten Kapitels, „Nicht mehr weit“ die des ersten. Aber das letzte Kapitel ist nicht das letzte, das erste nicht das erste. Das erste schließt ans letzte an und schickt den Leser dann zurück auf eine Reise durch das bewegte, bewegend beschriebene, nur 23 Jahre währende Leben der Angelika Hoerle in aufgewühlten Zeiten.
 
1899 wird Angelika in Köln als Tochter eines Möbelschreiners geboren. Zusammen mit der Mutter spielt sie Klavier, mit der Schwester entwirft sie Kleider und Hüte, mit ihrem Bruder Willy zeichnet sie. Schon früh träumt sie davon, eine Künstlerin zu werden, aber als Frau ist ihr der Besuch einer Kunstakademie verwehrt und so macht sie eine Lehre als Hutmacherin.

Als sie 15 ist, bricht der Erste Weltkrieg aus. Während des Krieges verliebt sie sich in Heinrich Hoerle, einen Maler in der Kölner Kunstszene. Ebenso wie Angelikas Brüder wird er eingezogen. Im Gegensatz zu Angelikas schwer verwundetem Bruder kehrt er äußerlich unverletzt nach Kriegsende zurück. Beim ersten Wiedersehen in Köln spricht er voll Bitterkeit die Worte, die dem Roman den Titel gaben und in denen sich die Einstellung vieler Künstler der damaligen Zeit widerspiegelt: „Alles, was du siehst, gehört zerschlagen. Ja, die Welt zerschlagen. Das müsste man. Sie ist fabelhaft wertlos, unsere hoch gelobte Zivilisation und die geschätzte Kultur. Wie wollen wir eigentlich noch an eine Zukunft glauben, an Fortschritt? Geschweige denn an die Vernunft?“
 
1919, nach Novemberrevolution und Zusammenbruch des Kaiserreichs will sie ihn gegen den Willen ihres Vaters heiraten. Als der von ihren Plänen hört, sagt er: „Wir unterstützen zwar die Künste, aber keinen Bohemien. Er ist weder gut erzogen - hat absolut keine Manieren – noch wird aus ihm jemals ein anerkannter Künstler werden. Dazu hat er das Zeug nicht. Er ist ein Nichts, eine Null. Hat keine regelmäßige Beschäftigung. Ein Bohemien mit undurchsichtigem Charakter, weiter nichts. Ich sag es dir noch mal: Nicht Hoerle.“ Und er schließt mit den Worten: „Überleg dir gut, was du tust. Wenn du ihn heiratest, wenn du das wirklich tust, dann hab ich keine Tochter mehr!“
Aber für Angelika gibt es nichts zu überlegen. „Noch am gleichen Tag packt sie die Koffer. Sie tut es für Heinrich, für sich, für die Kunst.“

Die Wohnung, die sie zusammen mit Heinrich bezieht, wird zum Künstlertreff, in dem intensiv gemalt und gefeiert wird, in dem man DADA-Aktionen plant und die Herausgabe provokanter Zeitschriften vorbereitet, geleitet von der Überzeugung, dass es die bürgerliche Gesellschaft und deren Führung waren, die den Krieg zu verantworten haben. Mit Zeichnungen grotesker Figuren, gesichtsloser Portraits oder deformierter Körper findet Angelika Hoerle Zugang zum Kreis um Max Ernst, Hans Arp und Johannes Theodor Baargeld, später engagiert sie sich zusammen mit den Malern Franz Seiwert sowie Marta und Anton Räderscheidt für die Arbeiterklasse und entwickelt dabei die eingangs erwähnten neuen künstlerischen Ausdrucksformen, in denen sie immer wieder ihr Leid am Zustand der Welt thematisiert.

Da macht eine Tuberkulose-Erkrankung ihrer Karriere jäh ein Ende. Aus Angst vor Ansteckung trennt sich Heinrich feig von ihr; nicht die Welt hat er zerschlagen, aber die Hoffnungen seiner Frau. Angelika kehrt mit 22 Jahren zu ihren Eltern zurück.
 
Wie schon in ihren früheren Romanen „Der Boden dunkel“ (2006), „Kamillenblumen“ (2008), „Peter Zirbes“ (2010), „Unter dem große Himmel“ (2012) und „Großes Ey“ (2014) verknüpft Ute Bales auch in „Die Welt zerschlagen!“ wieder filigrane Personenzeichnung mit farbenreicher Zeitenmalerei, in einer Sprache, die immer weiß, wann sie knapp sein muss und wann sie ausschweifen darf.
Und dass die in der Eifel geborene und aufgewachsene, heute in Freiburg lebende Autorin das so gut kann, daran hat - natürlich - auch die Pfalz ihren Anteil: Als Teilnehmerin an den Autorentreffen des Literarischen Vereins der Pfalz in Lambrecht hat sich Ute Bales mit ihren Texten regelmäßig der Kritik gestellt.

Michael Dillinger


Ute Bales: Die Welt zerschlagen!
Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle,
Roman. Rhein-Mosel-Verlag, Zell/Mosel,
Hardcover, Schutzumschlag,
ISBN 978-3-89801-080-1
280 Seiten, 19,80 Euro