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Ein Komet mit kurzem Schweif – Ute Bales: »Die Welt zerschlagen!«

 

Freitag, 23. Dezember 2016, erschienen in »Alumni Aktuell« der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

 

Eine Außenseiterin unter den Außenseitern – das war Angelika Hoerle. Als Mitglied der rebellischen und revolutionären Kunstbewegung “Dada” und Frau aus dem arbeitenden Bürgertum musste Hoerle stets für das kämpfen, was sie am meisten wollte. Ihre Leidenschaft für die Kunst begleitete sie bis ans Ende ihres kurzen Lebens. Die Freiburger Autorin Ute Bales, die bereits in ihren letzten Werken ein Herz für Außenseiter bewiesen hat, beleuchtet das in Vergessenheit geratene und so schnell verglühte Leben dieser außergewöhnlichen Frau, die als “Komet des Kölner Dada” wiederentdeckt wurde.


Angelika Hoerle, Tochter des sozialdemokratischen Schreiners Richard Fick und seiner Frau Anna Maria, wurde am 20. November 1899 in eine wendungsreiche und hektische Zeit hineingeboren. Ihr älterer Bruder Willy ermöglichte ihr vor dem großem Krieg den Zugang zur lebendigen Kölner Kunstszene, in der Bilder von Künstlern wie Kokoschka, Kandinsky oder den neuen, provokanten Talenten wie Munch und Picasso Säle füllten und erhitzte Diskussionen anregten. Früh interessierte sie sich für die moderne Malerei, die sie im Kölner Gereonsklub bewundern konnte. Sie musste aber auch erleben, wie ihr ältester Bruder Richard zum Kriegsdienst in den bis dahin grausamsten Krieg einberufen wurde. Danach erlebte sie die turbulente Nachkriegszeit, in welcher sich  politische Systeme, soziale Verhältnisse und künstlerische Ideen rastlos und unruhig abwechselte.

Ute Bales zeichnet das Leben Angelika Hoerles mitreißend nach. Die Biografie beginnt mit der um das Leben ringenden Angelika Hoerle. Wie mit ihren Augen sieht man die verschwimmenden Häuserfassaden Kölns, hört dumpfe Rufe der Zeitungsjungen, die Stresemanns Wahl zum Reichskanzler verkünden. Zu diesem Zeitpunkt – dem Krisenjahr 1923 – hat die Schwindsucht Hoerle bereits fest im Griff. Die Autorin beherrscht nicht nur den sehr persönlichen Blick durch Hoerles Augen. Geradewegs lakonisch schildert sie beiläufig auch die Dramen der Zeit neben alltäglichen Geschehnissen.

Die Zeitgeschichte ist der ständige Begleiter des Romans. Angefangen bei den Diskussionen im sozialdemokratischen Haushalt, ob die SPD die Kriegsanleihen unterzeichnen würde, oder nicht. Schilderungen der lebendigen Kunstszene vor dem Krieg im Gereonsklub und nach dem Krieg bei den Jathos runden das Bild der bewegten Zeit ab. Ute Bales nimmt ihre Leser mit in die Wohnung des Ehepaares Hoerle, dem als “Dadaheim” bekannten Versammlungsort der Kölner Dadaisten, zu denen auch der Autor Hugo Ball und die Künstler Hans Arp und Max Ernst zählten.

Die Tragik der Zeit machte vor der Tür Hoerles nicht halt. Angelikas Leben war vom Kampf geprägt. Sei es in ihrer Rolle als Frau mit einer Berufung zur Künstlerin, sei es in ihrer Entscheidung den Künstler Heinz Hoerle zu heiraten – was ihr der Vater nicht verzieh, sei es ihre Ehe mit Heinz, die in die Brüche ging, oder die Schwindsucht, die sie mit gerade 23 Jahren einholte. Ihre Wiederentdeckung zeigt eine Ausnahmekünstlerin.

Die Autorin dieses biografischen Romanes, Ute Bales, studierte in Freiburg Germanistik, Politologie und Kunst. Als Wahlfreiburgerin engagiert sie sich für das literarische Büro, als Autorin mit einem Herz für ihre Heimat, der Eifel, widmet sie ihr Werk den Außenseitern der Gesellschaft wie der Düsseldorfer Galleristin Johanna Ey oder dem Eifeldichter Peter Zirbes. Auch ihre neuste Biografie beweist, dass die Erinnerung an das Leben einer Außenseiterin wie Angelika Hoerle nicht wie ein Meteorit verglühen muss, sondern faszinierend wie ein Komet wiederkehren kann.