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Die Welt zerschlagen!


Das kurze Leben der Kölner Künstlerin Angelika Hoerle
Besprechung des Werks: Ute Bales: Die Welt zerschlagen! Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle. Roman. Rhein-Mosel-Verlag (Zell). 2016. 277 Seiten. ISBN 978-3-89801-080-1. EUR 19,80.

Angelika

Angelika Fick war das jüngste von vier Kindern des Kölner Möbelschreiners Richard Fick und seiner Frau Anna. Im November 1899 geboren, starb sie im September 1923, noch nicht ganz 24 Jahre alt, an Schwindsucht. Bei ihrem Vater lernte sie eine linke, sozialdemokratische und wenig kaisertreue Gesinnung kennen; von ihrer Mutter erlernte sie das Klavierspielen und Singen; von beiden erbte sie eine gewisse Liebe zum künstlerischen Ausdruck und zur parteiergreifenden Kunst.

 

Willy
Angelikas um vier Jahre älterer Bruder Willy Fick, der selbst ein beachteter, bald aber vergessener Künstler werden sollte, brachte von der Kunstgewerbeschule, wo er neben seiner Schreiner-Lehre Abendkurse im Zeichnen und Malen besuchte, immer wieder neue Entdeckungen mit nach Hause. Vor allem die „Modernen“ hatten es ihm angetan, Picasso und Toulouse-Lautrec, Marc und Macke, Kirchner, Heckel, Kandinsky. In Dresden („Brücke“) und München („Der Blaue Reiter“), da spielte die Musik! Willy war fasziniert und steckte mit seiner Begeisterung auch seine kleine Schwester Geli an.
Im Köln der frühen Zehner- und Vorkriegsjahre gab es für kurze Zeit den avantgardistischen „Gereonsklub“, wo man die Modernen erstmals sehen konnte. Angelika ist an der Hand ihres Bruders vor Ort. Willy ist ein Jungmann und Angelika noch ein Kind, eine Frühreife, die schon mit 12 weiß, dass sie mit der Kunst zu tun haben möchte. Die Malerin Marta Hegemann, spätere Ehefrau des Malers Anton Räderscheidt, wird eine wichtige Bezugsperson für Geli, die nach der Volksschule zu einer Hutmacherin in die Lehre geht.

 

Heinz
Durch Bruder Willy lernt Angelika „Heinz“ kennen, den Maler Heinrich Hoerle. Einen Kopf kleiner und nur vier Jahre älter als sie, eloquent, mit einem Hang zur Arroganz und sehr entschieden: „Was ich will? Leben will ich, nur leben.“ (S. 76) Angelika und Heinz werden ein Paar. Hoerle ist trotz seiner Jugend bereits ein bekannter Maler, der sich gut verkaufen kann, aber wenig verkauft wird. Für Angelikas Vater ist er ein „Nichts“, ein haltloser Bohemien. „Wenn du ihn heiratest“, sagt Richard Fick, „“dann hab ich keine Tochter mehr.“ (S. 121) So wurde aus der Ehe mit Hoerle zugleich der Bruch mit dem geliebten Vater.

Die Zehner-Jahre

Der Roman kommt ohne Jahreszahlen aus. Das kurze Leben der Angelika Hoerle ist sein Zeitrahmen. Das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bildet aber doch den Schwerpunkt; hier wird das Kind Geli zum ernstgenommenen jungen Mädchen mit eigener Stimme in Künstlerkreisen und schließlich zur anerkannten Zeichnerin (und Malerin) Angelika Hoerle. Der Protest gegen Kapitalismus und Kaiserreich; die Warnung vor dem sich abzeichnenden Krieg, der dann als „Erster Weltkrieg“ und nie zuvor gesehenes Blutbad in die Geschichte eingehen wird; die schonungslose Analyse der Niederlage von 1918 und der verlogene Neubeginn einer „Republik ohne Republikaner“ und einer „Demokratie ohne Demokraten“ prägen den Gedankenhorizont dieser jungen Künstlergeneration in Deutschland.
Während draußen, im kriegsgebeutelten Reich, Margarine als Ersatz für die rar gewordene Butter erfunden wird, erfährt Angelika im Kunstsalon von Carl und Käthe Jatho in der Moltkestraße, „wie tief man sich in Kunst versenken kann“ (S. 77) – und wie erhebend das ist, zumal, wenn es unter Gleichgesinnten und Gleichgestimmten geschieht, die der Kunst eine gesellschaftsverändernde Kraft zutrauen. Für Angelika eine euphorisierende Selbstfindung!

Dada

Der Maler Anton Räderscheidt kommt körperlich verwundet und misanthropisch gestimmt aus dem Krieg zurück. Mit anderen jungen Künstlern, die wie er überlebt haben, ist er voller Wut auf die „hoch gelobte Zivilisation“ (S. 96), die man „zerschlagen“ müsste, ja, „die Welt zerschlagen, das müsste man“. (ebd.) Aus Zürich kommt zur gleichen Zeit eine Bewegung nach Köln, vor allem repräsentiert durch Max Ernst, Hans Arp und Johannes Theodor Baargeld, die diese Wut teilt. Man nennt sich „DADA“. Dada ist ein Ausdruck des Ekels vor einer Welt, die auf Vernunft und Verstand schwört und dabei die Hölle auf Erden anrichtet. Eine Rebellion der Unvernunft ist angesagt. „Meine Werke sollen nicht gefallen, sondern aufheulen lassen“ (S. 107), proklamiert Max Ernst, gebürtig aus Brühl bei Köln, der sich auch „Dadamax“ nennt und ein Meister des vorsätzlichen Unsinns ist. Als „Sürrealist mit Ü“ stellt er sich der Düsseldorfer Künstlerwirtin Johanna Ey vor, die jovial zu übersetzen weiß: „Ein rheinischer Jeck also.“
Angelika Hoerle ist anfangs von Dada begeistert, vor allem von den Aktionen, die man heute „Happenings“ nennen würde: Störungen des bürgerlichen Kulturbetriebs mit Pfeifen, Pauken und Trompeten. Freundin Marta nennt sie „Dada-Angelika“. Später zweifelt sie am „Klamauk“ und der „bloßen Effekthascherei“ (S. 162) der Dadaisten. Beeinflusst vom Maler Franz Wilhelm Seiwert, der sich zum Marxisten emporgelesen hat, will Angelika Hoerle ihre Kunst zu einem „politischen und revolutionären Instrument“ (S. 164) zugunsten der Unterdrückten machen. „Meine Kunst muss eindeutig und verständlich sein.“ (S. 216) Mit Gleichgesinnten, vor allem Seiwert, Räderscheidt und Bruder Willy Fick, kommt es zur Gründung der Gruppe „Stupid“ in Köln, die sich der Kritik an einer stupiden, beschränkten und geistlosen Welt verschreibt. Der später hinzukommende Gert Arntz nennt gar Angelika Hoerle „mein Vorbild“.

Ernüchterung

Es muss nicht nur alles „anders“ werden, „gerechter und besser“ (S.153), auch „wir müssen alle andere werden“ (S. 130), fordert Angelika Hoerle – und lässt sich ihre „schönen Haare“ abschneiden und einen Bubikopf machen. „Fehlt nur noch der Bart!“ (S. 130), rufen ihr abschätzig die Marktweiber nach.
Wenn der revolutionäre Veränderungswille, der sich gegen die ungerechten „Verhältnisse“ richtet, keinen Erfolg hat, richtet man ihn gegen sich selbst und entledigt sich der Löckchen auf dem Kopf und der Gardinen vor dem Fenster, um mit Pagenschnitt und blauen Säcken vor den Scheiben ein Zeichen für die Allgemeinheit zu setzen. Aber kaum jemand vermag die Zeichen im Sinne ihrer Erfinder zu lesen. Stattdessen verlangt die Öffentlichkeit nach dem „Klapsdoktor“ (S. 160), damit dem Unfug ein Ende gesetzt werde.
Die Lage ist ernüchternd. Die Gesellschaft entwickelt sich nach rechts und nicht nach links. Unter den jungen Künstlern hat fast niemand Geld und fast alle leben auf Pump. Da hilft es auch wenig, dass Heinrich und Angelika Blumen-Bilder malen, „Kitsch für kleine Hirne“ (S. 208), die sie auf der Schildergasse feilbieten. Nicht einmal die Miete und das Gas für ihre Mansarde können sie von dem Erlös bezahlen.

Liebe

Wenn die Künstlerin Angelika Hoerle für ihre Ideen und Arbeiten gelobt wird, was immer häufiger vorkommt, kann das Ehemann Heinrich nur schwer ertragen. Er reagiert mit lauten Gehässigkeiten und stummer Eifersucht. Als Angelika dann an TBC erkrankt und elend dahin vegetiert, lässt er sie mit vier dürren Worten im Stich: „Ich gehe jetzt. Adieu.“ (S. 236) Wohin er geht, ist bald klar. Er geht mit „Tata“, seiner Neuen. „Ein charakterloses Schwein“, urteilen Gelis Freunde. Nur Angelika nimmt ihren Heinz in Schutz. Sie ahnt, dass er sie weder allein wegen der Neuen noch wegen ihrer ansteckenden Krankheit, die er sehr fürchtet, verlassen hat, sondern weil sie ihm inzwischen überlegen geworden war.

Verrückte Welt

Als es mit Angelika zu Ende ging, hatte die gesellschaftliche Wirklichkeit der Weimarer Republik die dystopische Phantasie der Surrealisten und Dadaisten weit überboten. Im Sommer 1923 kosteten in Köln 10 Eier eine halbe Million Reichsmark. Die Inflation war in vollem Gange. Bruder Willy erzählte der todkranken Geli bei einem seiner täglichen Besuche folgende Begebenheit: „Da trinkt einer im Café zwei Tassen Kaffee für je 5.000 Mark, erhält aber ‘ne Rechnung über 14.000 Mark. Begründung: Weil in der Zeit zwischen den beiden Tassen der Preis gestiegen sei.“ (vgl. S. 251)

Ausblick

Ein letztes Bild, dass sie noch gerne „gestrichelt“ hätte, schildert Angelika ihrem Bruder Willy: Da ist eine ihrer Zyklopen, eine einäugige Frau mit drei Brüsten, die einem dreiäugigen Blinden ihr Auge gibt, „damit er die Dinge aus ihrer Perspektive sehen kann.“ (S. 265)


Empathischer Naturalismus

Ute Bales ist eine Autorin, die mit dem dürftigen Besteck der 26 Buchstaben unseres Alphabets die historische Vergangenheit auf sinnlich beklemmende Art und Weise gegenwärtig machen kann, so dass wir, die heutigen Leserinnen und Leser, zu Augen-, Ohren- und Nasenzeugen sowohl der Barbarei des Ersten Weltkrieges als auch des Nachkriegschaos im Revolutions-Winter 1918/19 werden. Wie sie auf den letzten 40 Seiten das elende Siechtum Angelika Hoerles schildert, nimmt auch uns Lesern die Luft, um die Angelika ringt.
„Empathischer Naturalismus“ wäre womöglich der adäquate Gattungsname für die dokumentarliterarische Kunst von Ute Bales.

Wie alles angefangen hat

Es ist die dritte Romanbiografie binnen vier Jahren, in der Ute Bales die junge Kunst im Rheinland des frühen 20. Jahrhunderts thematisiert. 2012 entdeckte sie im Werk „Unter dem großen Himmel“ den um 1910 an der Düsseldorfer Kunstakademie ausgebildeten Maler Pitt Kreuzberg wieder. 2014 setzte sie mit „Großes Ey“ der segensreichen Düsseldorfer Künstlerwirtin und Kunstmaklerin Johanna Ey ein Denkmal. Jetzt ist es die unvollendet gebliebene Kölner Zeichnerin Angelika Hoerle, die vom Dadaismus beeinflusst, aber nicht vereinnahmt war. – Wer kultur- und kunsthistorisch interessiert ist und wissen will, wie es mit dem „Jungen Rheinland“ und der „Rheinischen Sezession“ in Düsseldorf und dem „Rheinischen Expressionismus“ und den „Kölner Progressiven“ in Köln angefangen hat, der lernt in diesen Romanen den Existenzialismus der frühen Jahre kennen.

Planet Eifel

Die ersten beiden Romane, die Ute Bales veröffentlicht hat („Der Boden dunkel“, 2006; „Kamillenblumen“, 2008), heißen im Untertitel jeweils „Roman aus der Eifel“. Sie weisen die in Borler bei Daun geborene und in Gerolstein aufgewachsene Autorin als eine respektable Nachfahrin der „Eifeldichterin“ Clara Viebig (1860-1952) aus. Mit dem Roman „Peter Zirbes“, 2010, erinnert sie an den sonderbaren und bitterarmen Heimatdichter gleichen Namens aus Niederkail bei Wittlich, der als Hausierer über Land zog und neben dem Steingut, das er feilbot, auch seine Gedichte anpries und zu Gehör brachte.
Auch in ihren Romanen aus der rheinischen Künstlerszene spielt die Eifel immer wieder eine Rolle. Zum einen ist sie Zufluchtsort und Versteck für politisch verfolgte Künstler. Zum anderen ist sie ein Sehnsuchtsort und dem sensiblen Maler-Auge ein unerschöpfliches Motiv: Für Pitt Kreuzberg gab es nichts Schöneres als den Anblick der Maare in der Vulkaneifel. Schließlich, bei Angelika Hoerle, wird die Eifel zum Ort der enttäuschten Hoffnungen. In dem kleinen Dorf Simonskall versuchte man eine Lebensgemeinschaft von gleichgesinnten „linken“ Künstlern zu bilden. Aber das 1919 vom Ehepaar Jatho begonnene Experiment, die „Kalltalgemeinschaft“ – die Hoerles waren oft zu Besuch -, endete schon knapp drei Jahre später, weil man mit der ländlichen Abgeschiedenheit und dem strengen Winter, der Notwendigkeit zur Selbstversorgung und den Eigenheiten der Einheimischen nicht zurecht kam.


Schluss

Angelika Hoerle hat in etwa 35 Werke hinterlassen, die zwischen 1919 und 1922 entstanden sind. Sie galten über Jahrzehnte als verschollen. Bis eine Großnichte der Künstlerin die Zeichnungen und Skizzen 1967 in einem Schrebergartenhaus in Köln-Vogelsang entdeckte, wo Bruder Willy sie vor den Nazis versteckt hatte, weil sie als „entartete Kunst“ gewiss vernichtet worden wären. – Inzwischen kennt man also das schmale Werk Angelika Hoerles. Der vorliegende Roman von Ute Bales erzählt uns vom Preis, den es gekostet hat, damit es entstehen konnte.

 

 

Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
Hochschule Niederrhein, Krefeld
Im Januar 2016