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Interview mit Ute Bales zur Lesung im Stadtmuseum Lüdenscheid aus dem Roman „Großes Ey“, in: „Der Bote für den Märkischen Kreis“ vom 7. August 2016 von Simkle Strobler

 

VON SIMKE STROBLER
Lüdenscheid.
Die Einladung nach Lüdenscheid kam nicht von ungefähr: Die Städtische Galerie zeigt noch bis zum 9. Oktober Werke des Herscheider Künstlers Heinz Wever.
Er war einer der ersten, der während seiner Studienzeit an der Düsseldorfer Kunstakademie kurz vorm Ersten Weltkrieg in der Kaffeestube von Johanna Ey sein Essen nicht bezahlen  konnte und ihr daraufhin einen Tausch anbot: Bilder gegen Essen. Im Laufe der Zeit wurde sie damit zu einer legendären Kunstförderin. Die Freiburger Schriftstellerin Ute Bales hat dieser Frau einen Roman gewidmet: „Großes Ey: Die Lebensgeschichte der legendären Kunstförderin Johanna Ey“. Am Sonntag, 21. August, stellt sie das Werk in der Lüdenscheider Galerie vor.


Wie wichtig ist es für Sie, dass eine Lesung aus „Großes Ey“, in dem es ja unumgänglich um viel Kunst geht, tatsächlich auch – wie in Lüdenscheid – in einer Galerie stattfindet?

UTE BALES: Die Lese-Umgebung ist immer wichtig. Es ist natürlich sehr schön, wenn ich an einem Ort lesen kann, wo es einen direkten Bezug zum Thema gibt. So wie am Sonntag, 21. August, in der Städtischen Galerie. Da geht es um Kunst und Künstler und Bilder. Im Besonderen natürlich um Johanna Ey und den Maler Heinz Wever. Einen besseren Ort kann ich also nicht finden.

Warum ein Roman über Johanna Ey?
UTE BALES: Das Leben der Johanna Ey hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Da ist vor allem ihr ungewöhnlicher Lebensweg: von der einfachen Bäckerin zur Galeristin der  rheinischen Expressionisten. Und das, ohne Ahnung von Kunst zu haben. Das gibt es heute gar nicht mehr. Nach einer gescheiterten Ehe – ihr Mann war gewalttätig und ein Alkoholiker – eröffnete sie 1907 unter ärmlichen Bedingungen eine Kaffeestube. Mit 43 Jahren war sie mit ihren vier Kindern – zwölf Kinder hatte sie geboren, acht waren verstorben – völlig auf sich  gestellt. Die Kaffeestube wurde hauptsächlich von Kunststudenten der nahen Kunstakademie besucht. Wer kein Geld hatte, durfte gelegentlich mit Bildern bezahlen. So entstand ihre erste Kunstsammlung. Aber mit der Kunst hatte sie es nicht leicht. Johanna erlebte die aufgewühlten Jahre vor und nach dem Ersten Weltkrieg, die Weimarer Zeit, die Inflation, die Nazis, die ihre Ausstellung als entartet einstuften, ihre Künstler verfolgten und ihre Bilder zerstörten. Zuletzt dann der Zweite Weltkrieg, in dem sie alles verloren hat. Johanna Ey wollte selbstbestimmt leben in einer Zeit, in der das für Frauen sehr schwer war. Sie wollte unabhängig sein. Sie hat beispielsweise die Expressionisten ausgestellt in Zeiten, in denen es sie fast Kopf und Kragen gekostet hätte. Dabei hat sie keinen Moment gezögert. Sie war immens wichtig für die Künstler ihrer Zeit. Als Romanfigur ist sie prädestiniert.

Wann und wie sind Sie mit dieser legendären Kunstförderin erstmals in Berührung gekommen?
UTE BALES: Das war 2013/ 2014, als ich einen Roman über den Expressionisten Pitt Kreuzberg schrieb. Kreuzberg war wie Heinz Wever vor dem Ersten Weltkrieg als Student ständiger Gast in Johannas Kaffeestube. Die Geschichte der Johanna Ey hat mich damals schon beeindruckt, und als „Kreuzberg“ dann abgeschlossen war, dachte ich, sie hätte auch einen Roman verdient…

Wie und wo haben Sie für Ihr Werk recherchiert?
UTE BALES: Hauptsächlich in Düsseldorfer Archiven, bei Zeitungen, in Büchereien, im Internet, in Datenbanken. Es gab zahlreiche Interviews mit Nachkommen von Zeitgenossen, mit Künstlern, Galeristen, Museen. Ich hatte viel und gute Unterstützung.

Charakterisieren Sie Johanna Ey doch mal …

UTE BALES: Johanna Ey hatte einen unbändigen Freiheitswillen, eine enorme Energie und Kraft, setzte großes Vertrauen in ihre Künstler und sie war von einer großen menschlichen Präsenz. Mehr als um ihr eigenes Leben hat sie sich um das der anderen gekümmert. Sie war hilfreich und anregend für andere, weit über ihren Tod hinaus.
Sie hat Menschen zusammengebracht, war unermüdlich und beharrlich, wenn sie was erreichen wollte. Sie hat Kunst auf eine sehr eigene Art und Weise verstanden. Aus dem Instinkt heraus hat sie sehr gute und kluge Entscheidungen getroffen, fast hellsichtig, wenn man bedenkt, dass sie diejenige war, die Otto Dix (Anmerkung der Redaktion: Wilhelm Heinrich
Otto Dix, der von 1891 bis 1969 lebte, war ein bedeutender deutscher Maler und Grafiker des 20. Jahrhunderts) entdeckt hat und für Max Ernst (Anmerkung der Redaktion: Der Maler, Grafiker und Bildhauer Max Ernst gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Dadaismus und des Surrealismus im 20. Jahrhundert) die erste Ausstellung arrangiert hat – und das in einer Zeit, in der niemand Bilder von Dix oder Ernst kaufen wollte.

Was haben Sie mit Johanna Ey gemeinsam?
UTE BALES: Wenig. Mein Leben ist ein ganz anderes. Ich habe das Glück, in einer Zeit zu leben, in der ich nicht für meine Gesinnung an den Pranger gestellt werde. Ich wäre niemals so mutig gewesen wie sie. Aber ich habe einen ähnlich starken Durchhaltewillen und es macht mir Freude, Menschen zusammenzubringen.

Wenn Sie die Chance hätten, Ihrer Roman- Protagonistin persönlich zu begegnen, was würden Sie sie fragen oder ihr sagen wollen?
UTE BALES: Ich würde Sie mal ganz fest drücken und ihr dann einen starken Kaffee kochen. Den hat sie während des Krieges immer so vermisst.
Und dann würde ich ihr erzählen, dass alles gut weitergegangen ist, dass die heutigen Künstler – zumindest in Deutschland – in relativer Freiheit leben, sich entfalten dürfen, dass es Pressefreiheit gibt, dass alle genug zu essen haben und so weiter. Und dass viele ihrer Bilder noch da sind, sogar zum Teil in berühmten Museen hängen. Natürlich würde ich mich bedanken für all den Mut, mit dem sie für die Kunst gekämpft hat. Für uns ist die Freiheit in Kunst, Musik und Literatur heute selbstverständlich. Und gerne würde ich dann noch wissen, ob sie oben im Himmel all ihre Künstler wiedergesehen hat.

Wie gut kennen Sie sich mit Kunst aus?
UTE BALES: Ganzgut. Ich war immer an Kunst interessiert, verfolge die Entwicklungen, sehe mir Sammlungen an, besuche Museen und lese Biografien von Künstlern.

Wie gut kennen Sie Heinz Wever und inwieweit spielt er in Ihrem Roman „Großes Ey“ eine Rolle?
UTE BALES: Heinz Wever spielt eine wichtige Rolle im Roman. Er war der erste Kunststudent, der Johanna einen Tausch angeboten hat: Essen gegen eine Zeichnung vom Kränzgenbach. Wever hatte kein Geld und Johanna war zu gutmütig, ihm die Bitte abzuschlagen. Geld hatte sie natürlich auch nicht. Der Tausch hatte allerdings Folgen: Bald hing ihre Kaffeebude voller Bilder. Wever war Dauergast bei Johanna. Er hat sie auch mal ins Kino eingeladen, in einen Film mit Asta Nielsen (Anmerkung der Redaktion: eine dänische Schauspielerin). Und er hat sie, als sie im Ersten Weltkrieg die Backstube schließen musste und nicht mehr weiter wusste, ermuntert, eine Bildergalerie zu eröffnen und ihr dazu 300 Mark geliehen. Johanna hat das dann gemacht – und so nahm die Geschichte ihren Lauf. Ohne Wever wäre die Idee von der Galerie vielleicht nie realisiert worden. 300 Mark waren viel Geld. Er hat das Geld übrigens nie zurückgefordert. Ich kenne leider nur wenige Bilder von Heinz Wever und bin schon sehr gespannt auf die Ausstellung.

Wo finden Sie den besten Schreibplatz für Ihre geschichtlichen Romane und wann und wie sind Sie am kreativsten?
UTE BALES: Der Schreibplatz, an dem ich am besten schreiben kann, ist einfach: ein kleiner Tisch, ein PC, eine Lampe, Stifte, Papier. Rundherum Bücher, so dass das Zimmer, in dem ich schreibe, fast wie eine Höhle aussieht. Ich schreibe täglich, aber zu unterschiedlichen Zeiten. Kreativ werde ich, wenn ich für ein Thema brenne, wenn ich es schaffe, mich ganz in  eine Figur zu versenken.

An wen richtet sich Ihre Lesung?
UTE BALES: An alle, die Bücher mögen; die sich für Menschen interessieren, die vor uns gelebt haben; an Kunstinteressierte, an Geschichtsinteressierte und an Rheinland-Interessierte. Der Roman erzählt ja nicht nur das Leben der Johanna Ey, sondern auch die Geschichte der rheinischen  Künstler und des Rheinlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Welche historische Person haben Sie für Ihren nächsten Roman ins Auge gefasst?

UTE BALES: Es geht um die Lebensgeschichte der Eva Justin, einer Rassenhygienikerin aus der NS-Zeit. Ein schweres Thema. Eva Justin ist verantwortlich für die Verstümmelung, Deportation und den Tod tausender von Sinti und Roma. So hat sie beispielsweise an Zigeunerkindern geforscht, die in einem Heim lebten, und sie für Verhaltenstests missbraucht. Eva Justin untermauerte mit diesen Tests ihre Dissertation. Die Kinder wurden, nachdem die Tests abgeschlossen waren, auf eine – letzte – Reise geschickt, von der sie nicht mehr zurückkehrten. Eva Justin ist übrigens nach dem Krieg als Psychologin beim Frankfurter Jugendamt eingesetzt worden, bis sie in den 1960er-Jahren starb. Es reizt mich, eine Figur zu beschreiben, deren Denken meinem konträr ist.

 

Ute Bales: „Großes Ey: Die Lebensgeschichte der Johanna Ey“, Roman, Rhein-Mosel-Verlag, Hardcover
mit Schutzumschlag, 432 Seiten, ISBN 978-3-89801-072-6

 


 

Heinz Wever

Herscheider „Heimatkünstler“
Heinz Wever war ein deutscher Maler und Autor plattdeutscher Texte und Bücher. Er wurde 1890 in Herscheid geboren und verstarb 1966 in Bad Breisig in Rheinland-Pfalz.
Ihm hat die Städtische Galerie in Lüdenscheid eine Ausstellung gewidmet, die noch bis zum 9. Oktober dort zu sehen ist. Heinz Wever studierte von 1911 und 1913 an der Kunstakademie in Düsseldorf und war der erste Student, der Johanna Ey, als er nicht zahlen kann, einen Tausch anbot: Bilder gegen Essen. 1937 kehrte Heinz Wever nach Herscheid zurück und richtete sich in seinem Elternhaus ein Atelier ein. Er malte unter anderem den ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss und Fritz Thomée, den ehemaligen Landrat des Kreises Altena. Am 28. August und 4. September, jeweils um 18 Uhr, hält Dr. Eckhard Trox, der Leiter der Lüdenscheider Museen, einen Vortrag über Heinz Wever unter dem Titel  „Heimatkünstler oder politischer Künstler?“ Anschließend bieten er und die Galerie interessierten Zuhörern eine thematische Sonderführung durch die Wever-Ausstellung an.
Am 18. September, ebenfalls um 18 Uhr, ist Heinz Wever dann erneut Thema eines Vortrags. Die Berliner Kunsthistorikerin Dr. Sibylle Ehringhaus erzählt über ihn und die anderen  Künstler, die um 1933 in Berlin lebten und die Stadt erlebten, als Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und damit das Ende der Weimarer Republik besiegelt wurde. Wever hatte sich zu dieser Zeit in Berlin in Zeitschriften und auf Litfaßsäulen als Grafiker einen Namen gemacht. Anschließend etablierte er sich im feinen Berliner Westen, nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Dr. Sibylle Ehringhaus erzählt, wen er dort getroffen hat und wie es ihm zu dieser Zeit erging.